Deutsch
Die Füllfedern zu machen, war eine verteufelt harte Arbeit, und ebenso die Säge; und Jim meinte, die Inschrift würde das Allerhärteste von allem werden. Das ist die, welche der Gefangene an die Wand kratzen muss. Aber er musste eine haben; Tom sagte, er _musste_ eine haben; es gab keinen Fall eines Staatsgefangenen, der keine Inschrift zum Zurücklassen und kein Wappen gekratzt hätte.
„Sieh dir Lady Jane Grey an“, sagt er; „sieh dir Gilford Dudley an; sieh dir den alten Northumberland an! Warum, Huck, gesetzt den Fall, es ist ganz schön lästig? — was willst du da machen? — wie willst du drum herumkommen? Jim _muss_ seine Inschrift und sein Wappen haben. Das machen sie alle.“
Jim sagt:
„Aber, Mars Tom, ich hab’ kein Wappen; ich hab’ nix als dies hier alte Hemd, und Sie wissen, ich muss das Tagebuch drauf schreiben.“
„Ach, du verstehst das nicht, Jim; ein Wappen ist ganz was anderes.“
„Na ja“, sag’ ich, „Jim hat jedenfalls recht, wenn er sagt, er hat kein Wappen, denn er hat keins.“
„Ich glaub’, _ich_ wusste das“, sagt Tom, „aber wetten, er hat eins, bevor er hier rauskommt — weil er _richtig_ rauskommt, und an seiner Akte soll’s keine Mängel geben.“
Also während ich und Jim an den Füllfedern feilten, jeder auf einem Ziegelstein, Jim machte seine aus Messing und ich meine aus dem Löffel, fing Tom an, sich das Wappen auszudenken. Nach einer Weile sagte er, er hätte so viele gute gefunden, dass er kaum wüsste, welches er nehmen sollte, aber es gäbe eins, bei dem er wohl bleiben würde. Er sagt:
„Auf dem Schild haben wir einen Schrägbalken _gold_ in der rechten Schildfußecke, ein Andreaskreuz _beerenrot_ im Mittelschild, mit einem Hund, liegend, als gemeines Bild, und unter seinem Fuß eine Zinnenkette, für die Sklaverei, mit einem _grünen_ Sparren in einem eingebogenen Oberhaupt, und drei eingebogene Linien auf einem _blauen_ Feld, mit den Nabelpunkten schreitend auf einer Zinnenschräge; Helmkleinod, ein entlaufener Nigger, _schwarz_, mit seinem Bündel über der Schulter auf einem linken Balken; und ein Paar _roter_ Schildhalter, das seid ihr und ich; Wahlspruch, _Maggiore fretta, minore atto._ Aus einem Buch — heißt: je mehr Eile, je weniger Tempo.“
„Herrjemine“, sag’ ich, „aber was bedeutet der Rest davon?“
„Wir haben keine Zeit, uns damit aufzuhalten“, sagt er; „wir müssen wie die Wilden graben.“
„Na gut“, sag’ ich, „was ist _wenigstens_ davon? Was ist ein Mittelschild?“
„Ein Mittelschild — ein Mittelschild ist — du brauchst nicht zu wissen, was ein Mittelschild ist. Ich zeig’ ihm, wie er ihn macht, wenn er soweit ist.“
„Ach, Tom“, sag’ ich, „ich denk’, du könntest einem das schon sagen. Was ist ein linker Balken?“
„Oh, _ich_ weiß das nicht. Aber er muss ihn haben. Alle vom Adel haben ihn.“
Das war eben seine Art. Wenn es ihm nicht passte, einem was zu erklären, dann tat er’s nicht. Du konntest eine Woche lang an ihm pumpen, es machte keinen Unterschied.
Er hatte das ganze Wappenzeug festgelegt, also fing er nun an, den Rest von diesem Teil der Arbeit zu erledigen, nämlich eine traurige Inschrift zu entwerfen — sagte, Jim müsse eine haben, wie sie das alle taten. Er machte eine Menge und schrieb sie auf ein Blatt Papier und las sie vor, so:
1. _Hier brach ein gefangenes Herz._
2. _Hier verschmachtete ein armer Gefangener, von Welt und Freunden verlassen, sein sorgenvolles Leben._
3. _Hier brach ein einsames Herz, und ein erschöpfter Geist ging zur Ruhe, nach siebenunddreißig Jahren einsamer Haft._
4. _Hier, heimatlos und freundlos, nach siebenunddreißig Jahren bitterer Gefangenschaft, verschied ein edler Fremder, natürlicher Sohn Ludwigs XIV._
Toms Stimme zitterte, während er sie vorlas, und er brach fast zusammen. Als er fertig war, konnte er sich auf keine einige für Jim entscheiden, die an die Wand zu kratzen, sie waren alle so gut; aber am Ende meinte er, er sollte sie alle kratzen. Jim sagte, es würde ihn ein Jahr kosten, so einen Haufen Kram mit einem Nagel auf die Balken zu kratzen, und er könne obendrein nicht mal Buchstaben machen; aber Tom sagte, er würde sie ihm vorzeichnen, und dann hätte er nichts zu tun, als den Linien zu folgen. Dann sagt er bald:
„Wenn ich’s recht bedenke, die Balken taugen nicht; in einem Verlies haben sie keine Balkenwände: wir müssen die Inschriften in einen Fels schlagen. Wir holen einen Stein.“
Jim sagte, der Stein wäre noch schlimmer als die Balken; er sagte, es würde ihn eine so verflucht lange Zeit kosten, sie in einen Stein zu schlagen, dass er nie rauskäme. Aber Tom sagte, er ließe mich ihm helfen. Dann warf er einen Blick, wie ich und Jim mit den Federn vorankamen. Es war verdammt mühselige, langsame Arbeit, und meine Hände kamen von den wunden Stellen nicht zur Ruhe, und wir kamen kaum voran; also sagt Tom:
„Ich weiß, wie wir’s machen. Wir brauchen einen Stein für das Wappen und die traurigen Inschriften, und mit demselben Stein können wir zwei Fliegen schlagen. Da unten bei der Mühle liegt ein prächtig großer Mühlstein, und den klauen wir, und meißeln das Zeug drauf, und feilen auch die Federn und die Säge drauf.“
Das war keine schlechte Idee; und auch kein schlechter Mühlstein; aber wir meinten, wir wollten es versuchen. Es war noch nicht ganz Mitternacht, also machten wir uns zur Mühle auf und ließen Jim bei der Arbeit. Wir klauten den Mühlstein und wollten ihn nach Hause rollen, aber es war eine verteufelt harte Arbeit. Manchmal, so sehr wir uns auch mühten, konnten wir nicht verhindern, dass er umfiel, und er kam jedes Mal verdammt nahe dran, uns zu zermatschen. Tom sagte, er würde einen von uns kriegen, ganz sicher, bevor wir durch wären. Wir kriegten ihn halb hin; und dann waren wir völlig erledigt und fast ertrunken im Schweiß. Wir sahen, es nutzte nichts; wir mussten hin und Jim holen. Also hob er sein Bett hoch und schob die Kette vom Bettbein ab und wickelte sie sich rings um den Hals, und wir krochen durch unser Loch und da runter, und Jim und ich legten uns in den Mühlstein und brachten ihn mühelos voran; und Tom beaufsichtigte. Er konnte jeden Jungen, den ich je sah, beim Beaufsichtigen übertreffen. Er wusste, wie man alles machte.
Unser Loch war ziemlich groß, aber nicht groß genug, um den Mühlstein durchzubekommen; aber Jim nahm den Pickel und machte es bald groß genug. Dann zeichnete Tom das Zeug mit dem Nagel drauf und setzte Jim daran, mit dem Nagel als Meißel und einem Eisenbolzen aus dem Gerümpel im Anbau als Hammer, und sagte ihm, er solle arbeiten, bis sein Kerzenrest ausginge, und dann könne er ins Bett und den Mühlstein unter seinen Strohsack verstecken und drauf schlafen. Dann halfen wir ihm, die Kette wieder ans Bettbein zu machen, und waren selbst bereit fürs Bett. Aber Tom dachte an was und sagt:
„Hast du Spinnen hier drin, Jim?“
„Nein, sah, Gott sei Dank hab’ ich keine, Mars Tom.“
„Gut, wir besorgen dir welche.“
„Aber segne dich, Liebling, ich will _keine_. Ich hab’ Angst vor ihnen. Ich hätt’ lieber Klapperschlangen rum.“
Tom dachte ein, zwei Minuten nach und sagt:
„Das ist eine gute Idee. Und ich schätze, das ist schon gemacht worden. Es _muss_ gemacht worden sein; es liegt auf der Hand. Ja, das ist ein erstklassiger Einfall. Wo könntest du sie halten?“
„Was halten, Mars Tom?“
„Na, eine Klapperschlange.“
„Um Himmels willen, Mars Tom! Warum, wenn ’ne Klapperschlange hier reinkäme, ich würd’ gleich durch die Balkenwand ausbrechen, das würd’ ich, mit dem Kopf voran.“
„Aber, Jim, nach ’n bisschen hättest du keine Angst mehr vor ihr. Du könntest sie zähmen.“
„_Zähmen_!“
„Ja — ganz leicht. Jedes Tier ist dankbar für Güte und Zärtlichkeit, und sie würden nicht im Traum einen verletzen, der sie streichelt. Jedes Buch sagt das. Versuch’s — das ist alles, was ich bitte; versuch’s nur zwei, drei Tage. Warum, du kriegst sie bald so weit, dass sie dich liebt; und mit dir schläft; und keinen Augenblick von dir weicht; und dich lässt, sie dir um den Hals zu wickeln und den Kopf in den Mund zu stecken.“
„_Bitte_, Mars Tom — _red_ so nicht! Ich _kann_ das nicht _ertragen_! Er würd’ mich _lassen_, seinen Kopf in meinen Mund zu schieben — als Gefallen, nich’? Ich wett’, er würd’ verdammt lang warten, bevor ich ihn _bitt’_. Und mehr noch, ich _will_ nicht, dass er mit mir schläft.“
„Jim, benimm dich nicht so töricht. Ein Gefangener _muss_ so eine stumme Art Haustier haben, und wenn noch nie ’ne Klapperschlange versucht wurde, nun, dann gibt’s mehr Ruhm dadurch, dass du der Erste bist, der’s je probiert, als auf jede andere Art, die dir einfällt, um dein Leben zu retten.“
„Aber, Mars Tom, ich will _solchen_ Ruhm nicht. Schlange kommt und beißt Jims Kinn weg, _wo_ is’ dann der Ruhm? Nein, sah, ich will solche Sachen nicht.“
„Verdammt, kannst du’s nicht _versuchen_? Ich will bloß, dass du’s versuchst — du brauchst’s nicht weiterzumachen, wenn’s nicht klappt.“
„Aber der Schaden is’ schon _passiert_, wenn die Schlange mich beißt, während ich sie probier’. Mars Tom, ich bin bereit, fast alles zu machen, was nich’ unvernünftig is’, aber wenn du und Huck mir ’ne Klapperschlange hier reinbringt, damit ich sie zähme, dann _geh’_ ich, das is’ _sicher_.“
„Na gut, lass es, lass es, wenn du so starrköpfig bist. Wir können dir Strumpfbänder-Schlangen besorgen, und du kannst ein paar Knöpfe an ihre Schwänze binden und tun, als wären’s Klapperschlangen, und ich schätze, das muss reichen.“
„Die _kann_ ich ertragen, Mars Tom, aber verflixt, ich könnt’ auch ohne sie auskommen, das sag’ ich dir. Ich wusst’ nie vorher, dass es so viel Mühe und Plage is’, ein Gefangener zu sein.“
„Na, es _ist_ immer so, wenn’s richtig gemacht wird. Hast du Ratten hier rum?“
„Nein, sah, ich hab’ keine gesehen.“
„Na, wir besorgen dir Ratten.“
„Aber, Mars Tom, ich will _keine_ Ratten. Die sind die verdammtesten Viecher, um einem auf den Wecker zu gehen, und um einen rumzurascheln und ihm in die Füße zu beißen, wenn er zu schlafen versucht, die ich je sah. Nein, sah, gebt mir Strumpfbänder-Schlangen, wenn ich welche haben muss, aber gebt mir keine Ratten; ich hab’ nichts für sie übrig, wirklich nicht.“
„Aber, Jim, du _musst_ sie haben — die haben sie alle. Also mach kein großes Aufheben mehr. Gefangene sind nie ohne Ratten. Es gibt keinen Fall davon. Und sie dressieren sie, und streicheln sie, und bringen ihnen Kunststücke bei, und sie werden so gesellig wie Fliegen. Aber du musst ihnen Musik vorspielen. Hast du was, um Musik drauf zu spielen?“
„Ich hab’ nix als ’nen groben Kamm und ’n Stück Papier und ’ne Maultrommel; aber ich schätze, die würden auf ’ne Maultrommel nichts geben.“
„Doch, würden sie. _Die_ sind nicht wählerisch, was für Musik es ist. Eine Maultrommel is’ für ’ne Ratte mehr als gut genug. Alle Tiere mögen Musik — im Gefängnis sind sie verrückt danach. Besonders schmerzhafte Musik; und andre Art kriegst du aus ’ner Maultrommel nicht. Es interessiert sie immer; sie kommen raus, um zu sehen, was mit dir los is’. Ja, du bist gut dran; du bist fein ausgestattet. Du sollst abends auf dem Bett sitzen, bevor du schläfst, und früh morgens, und deine Maultrommel spielen; spiel ‚Das letzte Glied ist gebrochen‘ — das is’ das, was ’ne Ratte schneller ködert als alles andre; und wenn du so zwei Minuten gespielt hast, wirst du sehen, wie alle Ratten und Schlangen und Spinnen und was noch kommt, anfangen, sich Sorgen um dich zu machen, und kommen. Und sie werden geradezu über dich herfallen und ’ne herrliche gute Zeit haben.“
„Ja, _die_ werden das, ich schätze, Mars Tom, aber was für ’ne Zeit hat _Jim_? Verdammt, wenn ich den Sinn seh’. Aber ich mach’s, wenn ich muss. Ich schätze, ich halt’ die Tiere lieber zufrieden und hab’ keinen Ärger im Haus.“
Tom wartete, um es zu überdenken, und zu sehen, ob nichts weiter fehlte; und bald sagt er:
„Oh, da ist eins, das ich vergessen hab’. Könntest du hier ’ne Blume ziehen, meinst du?“
„Ich weiß nich’, vielleicht könnt’ ich, Mars Tom; aber es is’ ziemlich dunkel hier drin, und ich hab’ doch keine Verwendung für ’ne Blume, und sie wär’ ’ne verdammte Menge Mühe.“
„Na, versuch’s trotzdem. Manche andern Gefangenen haben’s getan.“
„So ’n großer katzenwedelartiger Wollkrautstängel würd’ hier wachsen, Mars Tom, ich schätze, aber sie wär’ nicht halb die Mühe wert, die sie kost’.“
„Glaub das nicht. Wir besorgen dir ’nen kleinen, und du pflanzt ihn da in die Ecke, und ziehst ihn. Und nenn ihn nicht Wollkraut, nenn ihn Pitchiola — das is’ sein richtiger Name, wenn er im Gefängnis is’. Und du sollst ihn mit deinen Tränen gießen.“
„Aber, ich hab’ reichlich Quellwasser, Mars Tom.“
„Du willst kein Quellwasser; du willst ihn mit deinen Tränen gießen. So machen sie’s immer.“
„Aber, Mars Tom, ich wett’, ich krieg’ zwei solche Wollkrautstängel mit Quellwasser hoch, während ein andrer Mann _anfängt_ einen mit Tränen.“
„Das is’ nicht der Sinn. Du _musst_ es mit Tränen tun.“
„Sie wird mir absterben, Mars Tom, sicher wird sie; denn ich wein’ fast nie.“
Also war Tom am Ende. Aber er dachte drüber nach und sagte dann, Jim müsse mit einer Zwiebel das Beste draus machen. Er versprach, am Morgen zu den Negerhütten zu gehen und heimlich eine in Jims Kaffeekanne fallen zu lassen. Jim sagte, er hätte „lieber Tabak in seinem Kaffee“; und er fand so viel auszusetzen daran und an der Arbeit und Plage, den Wollkraut zu ziehen und den Ratten Maultrommel zu spielen und die Schlangen und Spinnen und was zu streicheln und zu hofieren, obendrein auf all die andre Arbeit, die er an Federn, Inschriften, Tagebüchern und Zeug machen musste, was es zu mehr Mühe und Sorge und Verantwortung machte, ein Gefangener zu sein, als alles, was er je unternommen hatte, dass Tom fast die Geduld mit ihm verlor; und sagte, er wäre bloß mit mehr prächtigeren Chancen beladen, als ein Gefangener je auf der Welt gehabt hätte, sich einen Namen zu machen, und doch wüsste er nicht genug, sie zu schätzen, und sie wären an ihm fast verschwendet. Also tat Jim leid, und sagte, er würde sich nicht mehr so benehmen, und dann machten ich und Tom uns aufs Bett.