Deutsch
Sie gingen eine Zeitlang schweigend weiter, K. hielt sich eng neben dem Geistlichen, ohne in der Finsternis zu wissen, wo er sich befand. Die Lampe in seiner Hand war längst erloschen. Einmal blinkte gerade vor ihm das silberne Standbild eines Heiligen nur mit dem Schein des Silbers und spielte gleich wieder ins Dunkel über. Um nicht vollständig auf den Geistlichen angewiesen zu bleiben, fragte ihn K.: „Sind wir jetzt nicht in der Nähe des Haupteinganges?“ „Nein,“ sagte der Geistliche, „wir sind weit von ihm entfernt. Willst du schon fortgehn?“ Trotzdem K. gerade jetzt nicht daran gedacht hatte, sagte er sofort: „Gewiß, ich muß fortgehn. Ich bin Prokurist einer Bank, man wartet auf mich, ich bin nur hergekommen, um einem ausländischen Geschäftsfreund den Dom zu zeigen.“ „Nun,“ sagte der Geistliche, und reichte K. die Hand, „dann geh’.“ „Ich kann mich aber im Dunkel allein nicht zurechtfinden,“ sagte K. „Geh’ links zur Wand,“ sagte der Geistliche, „dann weiter die Wand entlang, ohne sie zu verlassen und du wirst einen Ausgang finden.“ Der Geistliche hatte sich erst paar Schritte entfernt, aber K. rief schon sehr laut: „Bitte, warte noch.“ „Ich warte,“ sagte der Geistliche. „Willst du nicht noch etwas von mir?“ fragte K. „Nein,“ sagte der Geistliche. „Du warst früher so freundlich zu mir,“ sagte K., „und hast mir alles erklärt, jetzt aber entläßt du mich, als läge dir nichts an mir.“ „Du mußt doch fortgehn,“ sagte der Geistliche. „Nun ja,“ sagte K., „sieh das doch ein.“ „Sieh du zuerst ein, wer ich bin,“ sagte der Geistliche. „Du bist der Gefängniskaplan,“ sagte K. und ging näher zum Geistlichen hin, seine sofortige Rückkehr in die Bank war nicht so notwendig, wie er sie dargestellt hatte, er konnte recht gut noch hier bleiben. „Ich gehöre also zum Gericht,“ sagte der Geistliche. „Warum sollte ich also etwas von dir wollen. Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entläßt dich, wenn du gehst.“
ZEHNTES KAPITEL
ENDE
Am Vorabend seines 31. Geburtstages — es war gegen 9 Uhr abends, die Zeit der Stille auf den Straßen — kamen zwei Herren in K.s Wohnung. In Gehröcken, bleich und fett, mit scheinbar unverrückbaren Zylinderhüten. Nach einer kleinen Förmlichkeit bei der Wohnungstür wegen des ersten Eintretens wiederholte sich die gleiche Förmlichkeit in größerem Umfange vor K.s Tür. Ohne daß ihm der Besuch angekündigt gewesen wäre, saß K. gleichfalls schwarz angezogen in einem Sessel in der Nähe der Türe und zog langsam neue, scharf sich über die Finger spannende Handschuhe an, in der Haltung, wie man Gäste erwartet. Er stand gleich auf und sah die Herren neugierig an. „Sie sind also für mich bestimmt,“ fragte er. Die Herren nickten, einer zeigte mit dem Zylinderhut in der Hand auf den andern. K. gestand sich ein, daß er einen andern Besuch erwartet hatte. Er ging zum Fenster und sah noch einmal auf die dunkle Straße. Auch fast alle Fenster auf der andern Straßenseite waren noch dunkel, in vielen die Vorhänge herabgelassen. In einem beleuchteten Fenster des Stockwerkes spielten kleine Kinder hinter einem Gitter miteinander und tasteten, noch unfähig sich von ihren Plätzen fortzubewegen, mit den Händchen nach einander. „Alte untergeordnete Schauspieler schickt man um mich,“ sagte sich K. und sah sich um, um sich nochmals davon zu überzeugen. „Man sucht auf billige Weise mit mir fertig zu werden.“ K. wendete sich plötzlich ihnen zu und fragte: „An welchem Theater spielen Sie.“ „Theater?“ fragte der eine Herr mit zuckenden Mundwinkeln den andern um Rat. Der andere gebärdete sich wie ein Stummer, der mit dem widerspenstigen Organismus kämpft. „Sie sind nicht darauf vorbereitet, gefragt zu werden,“ sagte sich K. und ging seinen Hut holen.
Schon auf der Treppe wollten sich die Herren in K. einhängen, aber K. sagte: „Erst auf der Gasse, ich bin nicht krank.“ Gleich aber vor dem Tor hängten sie sich in ihn in einer Weise ein, wie K. noch niemals mit einem Menschen gegangen war. Sie hielten die Schultern eng hinter den seinen, knickten die Arme nicht ein, sondern benutzten sie, um K.s Arme in ihrer ganzen Länge zu umschlingen, unten erfaßten sie K.s Hände mit einem schulmäßigen, eingeübten, unwiderstehlichen Griff. K. ging straff gestreckt zwischen ihnen, sie bildeten jetzt alle drei eine solche Einheit, daß, wenn man einen von ihnen zerschlagen hätte, alle zerschlagen gewesen wären. Es war eine Einheit, wie sie fast nur Lebloses bilden kann.
Unter den Laternen versuchte K. öfters, so schwer es bei diesem engen Aneinander ausgeführt werden konnte, seine Begleiter deutlicher zu sehn, als es in der Dämmerung seines Zimmers möglich gewesen war. Vielleicht sind es Tenöre, dachte er im Anblick ihres schweren Doppelkinns. Er ekelte sich vor der Reinlichkeit ihrer Gesichter. Man sah förmlich noch die säubernde Hand, die in ihre Augenwinkel gefahren, die ihre Oberlippe gerieben, die die Falten am Kinn ausgekratzt hatte.
Als K. das bemerkte, blieb er stehn, infolgedessen blieben auch die andern stehn; sie waren auf dem Rand eines freien, menschenleeren, mit Anlagen geschmückten Platzes. „Warum hat man gerade Sie geschickt!“ rief er mehr als er fragte. Die Herren wußten scheinbar keine Antwort, sie warteten mit dem hängenden freien Arm, wie Krankenwärter, wenn der Kranke sich ausruhn will. „Ich gehe nicht weiter,“ sagte K. versuchsweise. Darauf brauchten die Herren nicht zu antworten, es genügte, daß sie den Griff nicht lockerten und K. von der Stelle wegzuheben versuchten, aber K. widerstand. „Ich werde nicht mehr viel Kraft brauchen, ich werde jetzt alle anwenden,“ dachte er. Ihm fielen die Fliegen ein, die mit zerreißenden Beinchen von der Leimrute wegstreben. „Die Herren werden schwere Arbeit haben.“
Da stieg vor ihnen aus einer tiefer gelegenen Gasse auf einer kleinen Treppe Fräulein Bürstner zum Platz empor. Es war nicht ganz sicher, ob sie es war, die Ähnlichkeit war freilich groß. Aber K. lag auch nichts daran, ob es bestimmt Fräulein Bürstner war, bloß die Wertlosigkeit seines Widerstandes kam ihm gleich zum Bewußtsein. Es war nichts Heldenhaftes, wenn er widerstand, wenn er jetzt den Herren Schwierigkeiten bereitete, wenn er jetzt in der Abwehr noch den letzten Schein des Lebens zu genießen versuchte. Er setzte sich in Gang, und von der Freude, die er dadurch den Herren machte, ging noch etwas auf ihn selbst über. Sie duldeten es jetzt, daß er die Wegrichtung bestimmte und er bestimmte sie nach dem Weg, den das Fräulein vor ihnen nahm, nicht etwa, weil er sie einholen, nicht etwa, weil er sie möglichst lange sehen wollte, sondern nur deshalb, um die Mahnung, die sie für ihn bedeutete, nicht zu vergessen. „Das Einzige, was ich jetzt tun kann,“ sagte er sich und das Gleichmaß seiner Schritte und der Schritte der zwei andern bestätigte seine Gedanken, „das Einzige, was ich jetzt tue, ist, bis zum Ende den ruhig einteilenden Verstand behalten. Ich wollte immer mit zwanzig Händen in die Welt hineinfahren und überdies zu einem nicht zu billigenden Zweck. Das war unrichtig, soll ich nun zeigen, daß nicht einmal der einjährige Prozeß mich belehren konnte? Soll ich als ein begriffstutziger Mensch abgehn? Soll man mir nachsagen dürfen, daß ich am Anfang des Prozesses ihn beenden und jetzt an seinem Ende ihn wieder beginnen will. Ich will nicht, daß man das sagt. Ich bin dankbar dafür, daß man mir auf diesem Weg diese halbstummen verständnislosen Herren mitgegeben hat und daß man es mir überlassen hat, mir selbst das Notwendige zu sagen.“
Das Fräulein war inzwischen in eine Seitengasse eingebogen, aber K. konnte sie schon entbehren und überließ sich seinen Begleitern. Alle drei zogen nun in vollem Einverständnis über eine Brücke im Mondschein, jeder kleinen Bewegung, die K. machte, gaben die Herren jetzt bereitwillig nach, als er ein wenig zum Geländer sich wendete, drehten auch sie sich in ganzer Front dorthin. Das im Mondlicht glänzende und zitternde Wasser teilte sich um eine kleine Insel, auf der wie zusammengedrängt Laubmassen von Bäumen und Sträuchern sich aufhäuften. Unter ihnen, jetzt unsichtbar, führten Kieswege mit bequemen Bänken, auf denen K. in manchem Sommer sich gestreckt und gedehnt hatte. „Ich wollte ja gar nicht stehn bleiben,“ sagte er zu seinen Begleitern, beschämt durch ihre Bereitwilligkeit. Der Eine schien dem Andern hinter K.s Rücken einen sanften Vorwurf wegen des mißverständlichen Stehenbleibens zu machen, dann gingen sie weiter.
Sie kamen durch einige ansteigende Gassen, in denen hie und da Polizisten standen oder gingen; bald in der Ferne, bald in nächster Nähe. Einer mit buschigem Schnurrbart, die Hand am Griff des Säbels, trat wie mit Absicht nahe an die nicht ganz unverdächtige Gruppe. Die Herren stockten, der Polizeimann schien schon den Mund zu öffnen, da zog K. mit Macht die Herren vorwärts. Öfters drehte er sich vorsichtig um, ob der Polizeimann nicht folge; als sie aber eine Ecke zwischen sich und dem Polizeimann hatten, fing K. zu laufen an, die Herren mußten trotz großer Atemnot auch mit laufen.
So kamen sie rasch aus der Stadt hinaus, die sich in dieser Richtung fast ohne Übergang an die Felder anschloß. Ein kleiner Steinbruch, verlassen und öde, lag in der Nähe eines noch ganz städtischen Hauses. Hier machten die Herren halt, sei es, daß dieser Ort von allem Anfang an ihr Ziel gewesen war, sei es, daß sie zu erschöpft waren, um noch weiter zu laufen. Jetzt ließen sie K. los, der stumm wartete, nahmen die Zylinderhüte ab und wischten sich, während sie sich im Steinbruch umsahen, mit den Taschentüchern den Schweiß von der Stirn. Überall lag der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem andern Licht gegeben ist.
Nach Austausch einiger Höflichkeiten hinsichtlich dessen, wer die nächsten Aufgaben auszuführen habe — die Herren schienen die Aufträge ungeteilt bekommen zu haben — ging der Eine zu K. und zog ihm den Rock, die Weste und schließlich das Hemd aus. K. fröstelte unwillkürlich, worauf ihm der Herr einen leichten beruhigenden Schlag auf den Rücken gab. Dann legte er die Sachen sorgfältig zusammen, wie Dinge, die man noch gebrauchen wird, wenn auch nicht in allernächster Zeit. Um K. nicht ohne Bewegung der immerhin kühlen Nachtluft auszusetzen, nahm er ihn unter den Arm und ging mit ihm ein wenig auf und ab, während der andere Herr den Steinbruch nach irgendeiner passenden Stelle absuchte. Als er sie gefunden hatte, winkte er und der andere Herr geleitete K. hin. Es war nahe der Bruchwand, es lag dort ein losgebrochener Stein. Die Herren setzten K. auf die Erde nieder, lehnten ihn an den Stein und betteten seinen Kopf obenauf. Trotz aller Anstrengung, die sie sich gaben, und trotz alles Entgegenkommens, das ihnen K. bewies, blieb seine Haltung eine sehr gezwungene und unglaubwürdige. Der eine Herr bat daher den andern, ihm für ein Weilchen das Hinlegen K.s allein zu überlassen, aber auch dadurch wurde es nicht besser. Schließlich ließen sie K. in einer Lage, die nicht einmal die beste von den bereits erreichten Lagen war. Dann öffnete der eine Herr seinen Gehrock und nahm aus einer Scheide, die an einem um die Weste gespannten Gürtel hing, ein langes, dünnes, beiderseitig geschärftes Fleischermesser, hielt es hoch und prüfte die Schärfen im Licht. Wieder begannen die widerlichen Höflichkeiten, einer reichte über K. hinweg das Messer dem andern, dieser reichte es wieder über K. zurück. K. wußte jetzt genau, daß es seine Pflicht gewesen wäre, das Messer, als es von Hand zu Hand über ihm schwebte, selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er tat es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah umher. Vollständig konnte er sich nicht bewähren, alle Arbeit den Behörden nicht abnehmen, die Verantwortung für diesen letzten Fehler trug der, der ihm den Rest der dazu nötigen Kraft versagt hatte. Seine Blicke fielen auf das letzte Stockwerk des an dem Steinbruch angrenzenden Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der teilnahm? Einer der helfen wollte? War es ein Einzelner? Waren es alle? War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiß gab es solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und spreizte alle Finger.
Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinander gelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.
NACHWORT
Eigenartig und tief wie alle Lebensäußerungen Franz Kafkas war auch seine Stellungnahme seinem eigenen Werk und jeder Publikation gegenüber. Die Probleme, die er bei Behandlung dieser Angelegenheit austrug und die daher auch Richtschnur jeder Veröffentlichung aus seinem Nachlaß bleiben müssen, können in ihrem Ernst gar nicht überschätzt werden. Zu ihrer wenigstens annäherungsweisen Beurteilung diene das Folgende:
Fast alles, was Kafka veröffentlicht hat, ist ihm von mir mit List und Überredungskunst abgenommen worden. Damit steht nicht im Widerspruch, daß er oftmals, in langen Lebensperioden, seines Schreibens wegen (er sprach freilich stets nur von einem „Kritzeln“) viel Glück empfunden hat. Wer ihn nur je in kleinem Kreise seine eigne Prosa mit hinreißendem Feuer, mit einem Rhythmus, dessen Lebendigkeit kein Schauspieler je erreichen wird, vorlesen hören durfte, der fühlte auch unmittelbar die echte unbändige Schaffenslust und Leidenschaft, die hinter diesem Werke stand. Daß er es trotzdem verwarf, hatte seinen Grund zunächst in gewissen traurigen Erlebnissen, die ihn zur Selbstsabotage, daher auch zum Nihilismus dem eignen Werk gegenüber führten; unabhängig davon aber auch in der Tatsache, daß er an dieses Werk (freilich ohne dies je auszusprechen) den höchsten religiösen Maßstab anlegte, dem es allerdings, aus vielerlei Wirrnissen entrungen, nicht entsprechen konnte. Daß sein Werk trotzdem vielen, die zum Glauben, zur Natur, zur vollkommenen Seelengesundheit hinstreben, ein starker Helfer hätte werden können, durfte ihm nichts bedeuten, der mit dem unerbittlichsten Ernst für sich selbst auf der Suche nach dem rechten Wege war und zunächst sich selbst, nicht andern Rat zu geben hatte.
So deute ich für meine Person die negative Stellungnahme Kafkas zu seinem eignen Werk. Er sprach oft von den „falschen Händen, die sich einem während des Schreibens entgegenstrecken“ — auch davon, daß ihn das Geschriebene und gar das Veröffentlichte in der weitern Arbeit beirre. Es gab viele Widerstände zu überwinden, ehe ein Band von ihm erschien. Nichtsdestoweniger hat er an den fertigen schönen Büchern und gelegentlich auch an ihren Wirkungen eine rechte Freude gehabt, und es gab Zeiten, wo er wie sich selbst so auch sein Werk mit gleichsam wohlwollendern Blicken, nie ganz ohne Ironie, jedoch mit freundlicher Ironie musterte; mit einer Ironie, hinter der sich das ungeheure Pathos des kompromißlos nach dem Höchsten Strebenden verbarg.
In Franz Kafkas Nachlaß hat sich kein Testament vorgefunden. In seinem Schreibtisch lag unter vielem andern Papier ein zusammengefalteter, mit Tinte geschriebener Zettel mit meiner Adresse. Der Zettel hat folgenden Wortlaut:
Liebster Max, meine letzte Bitte: Alles, was sich in meinem Nachlaß (also im Buchkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch, zu Hause und im Bureau, oder wohin sonst irgend etwas vertragen worden sein sollte und Dir auffällt) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden und eignen, Gezeichnetem und so weiter findet, restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene oder Gezeichnete, das Du oder andre, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.
Dein Franz Kafka.
Bei genauerm Suchen fand sich auch noch ein mit Bleistift geschriebenes, vergilbtes, offenbar älteres Blatt. Es sagt:
Lieber Max, vielleicht stehe ich diesmal doch nicht mehr auf, das Kommen der Lungenentzündung ist nach dem Monat Lungenfieber genug wahrscheinlich, und nicht einmal, daß ich es niederschreibe, wird sie abwehren, trotzdem es eine gewisse Macht hat.
Für diesen Fall also mein letzter Wille hinsichtlich alles von mir Geschriebenen:
Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler. (Die paar Exemplare der ‚Betrachtung‘ mögen bleiben, ich will niemandem die Mühe des Einstampfens machen, aber neu gedruckt darf nichts daraus werden.) Wenn ich sage, daß jene fünf Bücher und die Erzählung gelten, so meine ich damit nicht, daß ich den Wunsch habe, sie mögen neu gedruckt und künftigen Zeiten überliefert werden, im Gegenteil, sollten sie ganz verlorengehn, entspricht dieses meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da sie schon einmal da sind, niemanden daran, sie zu erhalten, wenn er dazu Lust hat.
Dagegen ist alles, was sonst an Geschriebenem von mir vorliegt (in Zeitschriften Gedrucktes, im Manuskript oder in Briefen) ausnahmslos, soweit es erreichbar oder durch Bitten von den Adressaten zu erhalten ist (die meisten Adressaten kennst Du ja, in der Hauptsache handelt es sich um .........., vergiß besonders nicht paar Hefte, die ..... hat) — alles dieses ist ausnahmslos, am liebsten ungelesen (doch wehre ich Dir nicht hineinzuschaun, am liebsten wäre es mir allerdings, wenn Du es nicht tust, jedenfalls aber darf niemand andrer hineinschauen) — alles dieses ist ausnahmslos zu verbrennen, und dies möglichst bald zu tun bitte ich Dich
Franz
Wenn ich diesen so kategorisch ausgesprochenen Verfügungen gegenüber dennoch ablehne, die herostratische Tat auszuführen, die mein Freund von mir verlangt, so habe ich hierzu die allertriftigsten Gründe.
Einige davon entziehen sich öffentlicher Diskussion. Doch auch die, welche ich mitteilen kann, sind meiner Ansicht nach durchaus hinreichend zum Verständnis meines Entschlusses.
Der Hauptgrund: als ich 1921 meinen Beruf wechselte, sagte ich meinem Freunde, daß ich mein Testament gemacht hätte, in dem ich ihn bäte, dieses und jenes zu vernichten, andres durchzusehn und so fort. Darauf sagte Kafka und zeigte mir den mit Tinte geschriebenen Zettel, den man dann in seinem Schreibtisch vorgefunden hat, von außen: „Mein Testament wird ganz einfach sein — die Bitte an dich, alles zu verbrennen.“ Ich entsinne mich auch noch ganz genau der Antwort, die ich damals gab: „Falls du mir im Ernste so etwas zumuten solltest, so sage ich dir schon jetzt, daß ich deine Bitte nicht erfüllen werde.“ Das ganze Gespräch wurde in jenem scherzhaften Ton geführt, der unter uns üblich war, jedoch mit dem heimlichen Ernst, den wir dabei stets einer bei dem andern voraussetzten. Von dem Ernst meiner Ablehnung überzeugt, hätte Franz einen andern Testamentsexekutor bestimmen müssen, wenn ihm seine eigne Verfügung unbedingter und letzter Ernst gewesen wäre.
Ich bin ihm nicht dankbar, mich in diesen schweren Gewissenskonflikt gestürzt zu haben, den er voraussehen mußte, denn er kannte die fanatische Verehrung, die ich jedem seiner Worte entgegenbrachte, und die mich in den 22 Jahren unsrer niemals getrübten Freundschaft (unter anderm) veranlaßte, auch nicht das kleinste Zettelchen, keine Ansichtskarte, die von ihm kam, wegzuwerfen. — Das „ich bin nicht dankbar“ möge übrigens nicht mißverstanden werden! Was wiegt ein noch so schwerer Gewissenskonflikt gegenüber dem unendlichen Segen, den ich dem Freunde verdanke, der das eigentliche Rückgrat meiner ganzen geistigen Existenz war!
Weitere Gründe: die Ordre des Bleistiftblatts ist von Franz selbst nicht befolgt worden, denn er hat später ausdrücklich die Erlaubnis gegeben, daß Teile der ‚Betrachtung‘ in einer Zeitung nachgedruckt, und daß drei weitere Novellen veröffentlicht würden, die er selbst mit dem „Hungerkünstler“ vereinigt und dem Verlag Die Schmiede übergeben hat. Beide Verfügungen stammen ferner aus einer Zeit, wo die selbstkritischen Tendenzen meines Freundes den Höhepunkt erreicht hatten. In seinem letzten Lebensjahre aber hat sein ganzes Dasein eine unvorhergesehene, neue, glückliche, positive Wendung genommen, die diesen Selbsthaß und Nihilismus derogiert. — Mein Entschluß, den Nachlaß zu veröffentlichen, wird übrigens durch die Erinnerung an all die erbitterten Kämpfe erleichtert, mit dem ich jede einzelne Veröffentlichung von Kafka erzwungen und oft genug erbettelt habe. Und dennoch war er nachträglich mit diesen Veröffentlichungen ausgesöhnt und relativ zufrieden. — Schließlich entfällt bei einer postumen Veröffentlichung eine Reihe von Motiven, zum Beispiel, daß Veröffentlichung weitere Arbeit beirren könnte, daß sie die Schatten persönlich peinlicher Lebensperioden aufrief. Wie sehr für Kafka die Nichtveröffentlichung mit dem Problem seiner Lebensführung zusammenhing (ein Problem, das zu unserem unermeßlichen Schmerz jetzt nicht mehr stört), geht wie aus vielen Gesprächen aus folgendem Brief an mich hervor: „... Die Romane lege ich nicht bei. Warum die alten Anstrengungen aufrühren? Nur deshalb, weil ich sie bisher nicht verbrannt habe? ... Wenn ich nächstens komme, geschieht es hoffentlich. Worin liegt der Sinn des Aufhebens solcher „sogar“ künstlerisch mißlungener Arbeiten? Darin, daß man hofft, daß sich aus diesen Stückchen ein Ganzes zusammensetzen wird, irgendeine Berufungsinstanz, an deren Brust ich werde schlagen können, wenn ich in Not bin. Ich weiß, daß das nicht möglich ist, daß von dort keine Hilfe kommt. Was soll ich also mit den Sachen? Sollen die, die mir nicht helfen können, mir auch noch schaden, wie es, dieses Wissen vorausgesetzt, sein muß?“
Ich fühle sehr wohl, daß ein Rest bleibt, der besonders zartsinnigen Menschen die Publikation verbieten würde. Ich halte es aber für meine Pflicht, dieser sehr einschmeichelnden Verlockung des Zartsinns zu widerstehn. Entscheidend ist dabei natürlich nichts von dem bisher Vorgebrachten, sondern einzig und allein die Tatsache, daß der Nachlaß Kafkas die wundervollsten Schätze, auch an seinem eignen Werk gemessen das Beste, was er geschrieben hat, enthält. Ehrlicherweise muß ich eingestehn, daß diese eine Tatsache des literarischen und ethischen Werts genügt hätte (selbst wenn ich gegen die Kraft der letztwilligen Verfügungen Kafkas gar keinen Einwand hätte) — meine Entscheidung mit einer Präzision, der ich nichts entgegenzusetzen hätte, eindeutig zu bestimmen.
Leider ist Franz Kafka an einem Teil seines Vermächtnisses sein eigner Exekutor geworden. Ich fand in seiner Wohnung zehn große Quarthefte — nur ihre Deckel, den Inhalt vollständig vernichtet. Ferner hat er (zuverlässigem Bericht zufolge) mehrere Schreibblocks verbrannt. In der Wohnung fand sich nur ein Konvolut (etwa hundert Aphorismen über religiöse Fragen), ein autobiographischer Versuch, der vorläufig unveröffentlicht bleibt, und ein Haufen ungeordneter Papiere, die ich jetzt sichte. Ich hoffe, daß sich in diesen Papieren manche vollendete oder nahezu vollendete Erzählung finden wird. Ferner wurde mir eine (unvollendete) Tier-Novelle und ein Skizzenbuch übergeben.
Der kostbarste Teil des Vermächtnisses besteht mithin in den Werken, die dem Grimm des Autors rechtzeitig entzogen und in Sicherheit gebracht worden sind. Es sind dies drei Romane. ‚Der Heizer‘, die schon veröffentlichte Erzählung, bildet das erste Kapitel des einen Romans, der in Amerika spielt, und von dem auch das Schlußkapitel existiert, so daß er keine wesentliche Lücke aufweisen dürfte. Dieser Roman befindet sich bei einer Freundin des Toten; die beiden andern — „Das Schloß“ und den „Prozeß“ habe ich 1920 und 1923 zu mir gebracht, was mir heute ein wahrer Trost ist. Erst diese Werke werden zeigen, daß die eigentliche Bedeutung Franz Kafkas, den man bisher mit einigem Recht für einen Spezialisten, einen Meister der Kleinkunst halten konnte, in der großen epischen Form liegt.
Mit diesen Werken, die etwa vier Bände einer Nachlaßausgabe füllen dürften, sind aber die Ausstrahlungen von Kafkas zauberhafter Persönlichkeit bei weitem nicht erschöpft. Kann auch vorläufig an eine Herausgabe der Briefe nicht gedacht werden, von denen jeder einzelne dieselbe Natürlichkeit und Intensität besitzt wie Kafkas literarisches Werk, so wird man doch in einem kleinen Kreise rechtzeitig daran gehen, alles zu sammeln, was als Äußerung dieses einzigartigen Menschen in Erinnerung geblieben ist. Um nur ein Beispiel anzuführen: wie viele der Werke, die jetzt zu meiner bittern Enttäuschung in Kafkas Wohnung nicht mehr vorgefunden wurden, hat mir mein Freund vorgelesen oder wenigstens teilweise vorgelesen, teilweise ihren Plan erzählt! Wie unvergeßliche, ganz originelle, ganz tiefe Gedanken hat er mir mitgeteilt! Soweit mein Gedächtnis, soweit meine Kräfte reichen, soll nichts verlorengehen.