Deutsch
Das Manuskript des Romans „Der Prozeß“ habe ich im Juni 1920 an mich genommen und gleich damals geordnet. Das Manuskript trägt keinen Titel. Doch hat Kafka dem Roman im Gespräch stets den Titel „Der Prozeß“ gegeben. Die Einteilung in Kapitel sowie die Kapitelüberschriften rühren von Kafka her. Bezüglich der Anordnung der Kapitel war ich auf mein Gefühl angewiesen. Doch da mir mein Freund einen großen Teil des Romans vorgelesen hatte, konnte sich mein Gefühl bei der Ordnung der Papiere auf Erinnerungen stützen. — Franz Kafka hat den Roman als unvollendet betrachtet. Vor dem Schlußkapitel, das vorliegt, sollten noch einige Stadien des geheimnisvollen Prozesses geschildert werden. Da aber der Prozeß nach der vom Dichter mündlich geäußerten Ansicht niemals bis zur höchsten Instanz vordringen sollte, war in einem gewissen Sinne der Roman überhaupt unvollendbar, d. h. in infinitum fortsetzbar. Die vollendeten Kapitel, mit dem abrundenden Schlußkapitel zusammengenommen, lassen jedenfalls sowohl den Sinn wie die Gestalt des Werkes mit einleuchtendster Klarheit hervortreten, und wer nicht darauf aufmerksam gemacht wird, daß der Dichter selbst an dem Werke noch weiterzuarbeiten gedachte (er unterließ es, weil er sich einer andern Lebensatmosphäre zuwandte) —, wird kaum seine Lücke fühlen. — Meine Arbeit an dem großen Papierbündel, das seinerzeit dieser Roman darstellte, beschränkte sich darauf, die vollendeten von den unvollendeten Kapiteln zu sondern. Die unvollendeten lasse ich für den Schlußband der Nachlaßausgabe zurück, sie enthalten nichts für den Gang der Handlung Wesentliches. Eines dieser Fragmente wurde vom Dichter selbst unter dem Titel „Ein Traum“ in den Band „Ein Landarzt“ aufgenommen. Die vollendeten Kapitel sind hier vereinigt und geordnet. Von den unvollendeten habe ich nur eines, das offenbar nahezu vollendet ist, mit einer leichten Umstellung von vier Zeilen als Kapitel 8 hier eingereiht. — Im Text habe ich selbstverständlich nichts geändert. Ich habe nur die zahlreichen Abkürzungen transkribiert (z. B. statt F. B. „Fräulein Bürstner“ — statt T. „Titorelli“ voll ausgeschrieben) und einige kleine Versehen berichtigt, die offensichtlich nur deshalb in dem Manuskript stehen geblieben sind, weil es der Dichter einer definitiven Durchsicht nicht unterworfen hat.
Max Brod.